Für die Metallbearbeitung wird die Versorgung mit Hartmetallrohstoffen zunehmend zur strategischen Herausforderung. Die Abhängigkeit von wenigen Lieferländern birgt erhebliche Risiken für Wertschöpfung, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit.
Die Versorgung der Industrie mit Hartmetall in Europa ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Geopolitische Spannungen, Exportbeschränkungen und die wachsende Nachfrage verschiedener Industrien verschärfen den Druck. Insbesondere die Versorgung mit Wolfram wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Die gute Nachricht: Technische Lösungen für eine Kreislaufwirtschaft sind etabliert. Die Herausforderung: Sie helfen nur, wenn Hersteller, Recycler und Anwender gemeinsam handeln. Genau darüber diskutieren Experten im VDMA-Technologieforum auf der AMB, die vom 15. bis 19. September in Stuttgart stattfindet.
Hartmetall im Kreislauf halten
Materialkosten für Hartmetall steigen immens, Lieferketten werden fragiler und klassische Strategien wie größere Lager oder vorausschauender Einkauf greifen mittlerweile zu kurz. Die Abhängigkeit von China ist groß. „China verfügt über 80 bis 85 Prozent der weltweiten Ressourcen – mit allen damit verbundenen Konsequenzen. Die Abhängigkeit können wir nicht ändern. Den Umgang damit und die Strategie schon“, sagt Michael Rupp, Geschäftsführer der OSG GmbH. Die Rohstoffsicherung beginnt zwar bei der Beschaffung, muss jedoch den gesamten Lebenszyklus eines Werkzeugs einbeziehen. Genau hier setzen die Lösungsansätze an, die im VDMA-Technologieforum vorgestellt werden: Werkzeuge länger nutzen, Hartmetall und Schrott konsequent zurückführen und im Kreislauf behalten.
Nachschliff – Hartmetall länger nutzen
Ein zentraler Hebel ist dabei das Nachschleifen: Hartmetallwerkzeuge lassen sich bis zu vier Mal aufbereiten, Standzeiten damit bis zu 20 Prozent pro Werkzeug steigern und Werkzeugkosten senken. „Mit jedem Nachschliff erhält der Kunde ein Werkzeug zurück, das dem Neuwerkzeug entspricht. Was früher als Notlösung galt, ist heute ein qualitativ hochpräziser, nachhaltiger Industrieprozess“, erklärt Rupp. Roman Weng, verantwortlich für Anwendungstechnik bei OSG, zeigt im VDMA-Technologieforum, wie sich dieses Potenzial in der Praxis erschließen lässt und Anwender bis zu 50 Prozent der Werkzeugkosten einsparen können.
Doch selbst konsequentes Nachschleifen reicht nicht aus. Europas Kreislaufwirtschaft leidet an einem strukturellen Widerspruch: Die Recyclingtechnologien sind vorhanden, doch hochwertiger Hartmetallschrott verlässt häufig den europäischen Markt. Kurzfristig mag der Verkauf an den Meistbietenden attraktiv sein – langfristig schwächt er jedoch die Versorgungssicherheit der gesamten europäischen Industrie.
Vom Werkzeugkreislauf zur Rohstoffstrategie
„Deshalb müssen wir über das Nachschleifen hinausdenken. Wir sind immer noch eine Wegwerfgesellschaft. Selbst größere Key Accounts nehmen noch zu selten am Recycling teil“, betont Wilfried Hartmann, Produktmanager der Gühring KG. Mit dem „Tool Circle“ hat das Unternehmen als Antwort darauf einen geschlossenen Werkzeugkreislauf etabliert – von der Rücknahme verschlissener Werkzeuge und Hartmetall-Schrott über das Recycling bis zur Herstellung neuer Hartmetallwerkzeuge. Entscheidend sei dabei jedoch das Verhalten der Anwender: „Wir sollten den Wertstoff aus Gründen der Versorgungssicherheit in Europa halten.“ Wie geschlossene Materialkreisläufe wirtschaftlich funktionieren, erläutert Hartmann im VDMA-Technologieforum auf der AMB.
Auch für Dr. Heiko Frank, Geschäftsbereichsleiter Hartstoffbeschichtung & Anwendung bei der GFE Schmalkalden, liegt ein entscheidender Hebel in der industriellen Aufbereitung kompletter Zerspanungswerkzeuge. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Kosten für Hartmetalle, für relevante Werkstoffe wie Wolframprodukte, binnen eines Jahres um deutlich mehr als 400 Prozent gestiegen sind. „Deshalb müssen wir die Werkstoffe dringend in Europa behalten“, betont auch er.
Recycling – Partnerschaft mit den Werkzeuganwendern
Entscheidend sei dabei, dass die Rückführung für Anwender möglichst einfach und ohne zusätzlichen Aufwand in bestehende Prozessketten integriert werden kann. Denn nur wenn Rücknahme, Nachschleifen und Wiederaufbereitung unkompliziert funktionieren, können geschlossene Kreisläufe in der Breite etabliert werden. „Hier haben wir noch einiges zu tun und bei den Anwendern viel Überzeugungsarbeit zu leisten.“ Wie Aufbereitung und nachhaltiger Werkzeugeinsatz als skalierbare Lösung funktionieren, zeigt Dr. Frank in seinem Vortrag im VDMA-Technologieforum auf der AMB auf.
Jedes Kilogramm zählt
Dass Kreislaufwirtschaft heute weit mehr ist als ein Nachhaltigkeitsthema, unterstreicht auch CERATIZIT. Das Unternehmen investiert seit Jahren in Recycling und alternative Rohstoffquellen und erreicht nach eigenen Angaben bereits eine Wolfram-Recyclingquote von mehr als 90 Prozent. Auch für Michael Blank, Director Marketing & Communications, ist klar: „Es muss in die Köpfe, dass jedes Kilogramm Hartmetall, das im Kreislauf bleibt, die Versorgungssicherheit der europäischen Industrie sichert.“
Das eigentliche Nadelöhr liegt in der Rückführung des Materials, weiß auch er aus Erfahrung. Recyclingkapazitäten und Schrottverfügbarkeit müssen parallel wachsen. Genau deshalb rücken die Anwender stärker in den Fokus. Sie entscheiden, ob Werkzeuge rechtzeitig nachgeschliffen, Hartmetallschrotte in funktionierende Kreisläufe zurückgeführt oder wertvolle Rohstoffe dauerhaft dem europäischen Markt entzogen werden. Hier sei auch die Politik gefragt, die die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen müsse, etwa wie der National Defence Stockpile der USA, der die Versorgung mit kritischen Rohstoffen, darunter Wolfram, sicherstellen soll.
Jeder zurückgeführte Bohrer, jeder nachgeschliffene Fräser und jedes Kilogramm Hartmetall, das im europäischen Kreislauf bleibt, reduziert strategische Abhängigkeiten und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie. Die Sicherung von Hartmetall und anderen Schlüsselmaterialien ist längst nicht mehr nur eine Frage der Versorgung, sondern der strategischen Handlungsfähigkeit Europas. Denn der Zugang zu kritischen Rohstoffen entscheidet zunehmend über die industrielle Souveränität von morgen.
Veranstaltungsankündigung: VDMA-Technologieforum auf der AMB
Vom 15. bis 18. September 2026 schafft das VDMA-Technologieforum auf der AMB in Stuttgart auf dem VDMA-Stand in Halle 1, B50 eine Plattform für den fachlichen Austausch über aktuelle Herausforderungen und Zukunftsthemen in der Metallbearbeitung. Dort präsentieren VDMA-Mitgliedsunternehmen und Partnerinstitute ihre neuesten Entwicklungen und praxisnahen Lösungen. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Qualitätssicherung in der Fertigung, die Bearbeitung schwerzerspanbarer Werkstoffe, kosteneffiziente Fertigungsprozesse, Rohstoffe, Resilienz und Nachhaltigkeit sowie Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und Automation. Besucherinnen und Besucher erwartet ein spannendes und vielseitiges Programm mit wertvollen Impulsen für die industrielle Praxis.
Text: VDMA e.V.
