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Risiken trüben Geschäftserwartungen ein

by Hendrik Zech

Preissprünge bei Energie mit deutlichen Auswirkungen. Nominal wird aufgrund hoher Auftragsbestände für 2022 ein Umsatzplus erwartet, real eher Seitwärtsbewegung.

  • Schwächere Auftragslage in den nächsten Monaten erwartet
  • Energiekrise im Maschinenbau angekommen
  • Umsatz durch Preissteigerungen im Seitwärtsgang

Eine Umfrage des VDMA Baden-Württemberg, an der 297 Maschinenbauunternehmen im Land teilgenommen haben, zeichnet ein durchwachsenes Bild der wirtschaftlichen Situation. Die aktuelle Auftragslage ist demnach bei 62 Prozent der Unternehmen laut eigener Einschätzung noch sehr gut bzw. gut. 15 Prozent der Betriebe sprechen zugleich von einer schwachen, schlechten oder sehr schlechten Auftragssituation. Der Ausblick auf die kommenden sechs Monate fällt verhalten aus. 37 Prozent erwarten eine Verschlechterung, nur 12 Prozent gehen von einer Verbesserung aus.

Preissprünge bei Energie mit deutlichen Auswirkungen

Neben der heterogenen Auftragslage sind die hohen Energiekosten ein drängendes Thema. Annähernd 80 Prozent der Unternehmen spüren deutliche, starke oder sehr starke Auswirkungen steigender Energiepreise. „Die Kosten für Strom und Gas schränken die Ertrags- und Investitionskraft der Firmen erheblich ein und sind in Einzelfällen sogar existenzbedrohend. 35 Prozent der Unternehmen geben an, im Zuge der Teuerung Standortverlagerungen oder auch einen Stellenabbau in Erwägung zu ziehen“, warnte Dr.-Ing. Mathias Kammüller, Vorsitzender des VDMA Baden-Württemberg, in einem Pressegespräch. „In der jetzigen Situation kann ein temporäres Preis-Cap bei Strom helfen, die Versorgungssicherheit unserer Industrie zu erhalten. Langfristig benötigen wir ein neues europäisches Strommarktdesign, das uns krisenfester macht“, ergänzte er.

Materialversorgung bleibt herausfordernd

Für den Großteil der Betriebe bedeutet Produktion nach wie vor Mangelverwaltung. Kritisch ist die Versorgung mit Elektronikkomponenten, aber auch mit Metallerzeugnissen. „Die Erwartung einer nachhaltigen Entspannung der Lieferketten verschiebt sich unter dem Eindruck der Nachwehen des chinesischen Lockdowns und des Ukraine-Kriegs weiter nach hinten“, kommentierte Dr. Kammüller. Die Preissteigerungen in Bezug auf Vorprodukte, aber auch Energie, Transport und Personal, schätzen 63 Prozent der Unternehmen auf einen Wert zwischen 10 und 20 Prozent und 16 Prozent auf mehr als 20 Prozent im Vergleich zu der Zeit vor Corona.

Umsatz 2022 legt nominal zu, real Seitwärtsbewegung

Trotz der Herausforderungen dürfte der Umsatz aufgrund der Auftragsbestände in den Betrieben nominal wachsen. Von einem Plus von mehr als 10 Prozent gehen 22 Prozent der Betriebe aus, 39 Prozent erwarten ein Plus zwischen 5 und 10 Prozent. Ein Viertel der Unternehmen geht von einem Rückgang aus. Auf Basis dieser Erwartungen könnte der Maschinenbau im Land einen Zuwachs von nominal 8,4 Prozent und damit einen Umsatz von 84,9 Milliarden Euro erzielen. Preisbereinigt dürfte sich jedoch eher eine Seitwärtsbewegung einstellen. „Der hohe Auftragsbestand stabilisiert den Maschinen- und Anlagenbau und führt zu einem nominalen Umsatzplus. Die Kostenbelastungen lassen bis zum Jahresende real jedoch eine Stagnation erwarten“, sagte Dr. Kammüller. Für 2023 gehen die Unternehmen im Südwesten von einem nominalen Umsatzwachstum von 5,5 Prozent aus.

Geschäftserwartungen an China deutlich schwieriger

Die Ausfuhren werden nach Einschätzung der Betriebe im laufenden Jahr um 7 Prozent zulegen und damit weniger wachsen als im Jahr 2021. Mit dem Inlandsmarkt sind viele Betriebe zufriedener als noch vor einem Jahr. Auch der Euroraum konnte in der Bewertung deutlich zulegen, ebenso die USA, die durch ihr Infrastrukturprogramm für anhaltende Investitionen sorgen. Nur noch jedes dritte Unternehmen berichtet dagegen von positiven Geschäftserwartungen an den Absatzmarkt China. „Die strikte Null-Covid-Politik, damit verbundene extreme Reisebeschränkungen sowie undurchsichtige Visa-Anforderungen haben Vertrauen zerstört. Auch politische Risiken belasten den Ausblick. Die Volksrepublik wird zwar ein wichtiger Absatz- und Produktionsmarkt bleiben. Doch die Unternehmen suchen verstärkt nach Alternativen, um Abhängigkeiten zu reduzieren“, kommentierte Dr. Kammüller.
An erster Stelle der Märkte mit negativen Geschäftserwartungen steht wenig überraschend Russland. „Das Geschäft ist mittlerweile fast vollständig zum Erliegen gekommen“, sagte Dr. Kammüller.

Unternehmen suchen auf breiter Front Personal

Die Unternehmen sind derzeit verstärkt auf Personalsuche und stoßen auf erhebliche Besetzungsprobleme. 89 Prozent der Unternehmen berichten von offenen Stellen. Die Vakanzen für Ingenieurinnen und Ingenieure sowie für Facharbeiterinnen und Facharbeiter sind dabei ungefähr gleichverteilt. Bei den Ingenieurprofilen fehlen vor allem Mitarbeitende für Forschung, Entwicklung und Konstruktion, IT und zunehmend auch für den Vertrieb. Auch Digitalisierungsexperten sind Mangelware. „Fast die Hälfte der Betriebe sucht händeringend nach qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die Softwareentwicklung. Experten für Datenanalysen und Security-Themen werden im Maschinenbau ebenfalls dringend benötigt und nicht gefunden“, sagte Dr. Kammüller weiter. Über die Hälfte der Betriebe konnte zudem die technischen Ausbildungsplätze zum Zeitpunkt der Umfrage nicht besetzen – 26 Prozent mehr als im Vorjahr.

Abhängigkeiten von fossilen Energieimporten reduzieren

Mit Blick auf den politischen Handlungsbedarf wird die Abhängigkeit von instabilen Lieferketten und von fossilen Energieimporten zum zentralen Thema. Die Betriebe wünschen sich den Aufbau eigener Produktionskapazitäten in der EU beziehungsweise in Deutschland in Bezug auf Vorprodukte sowie den forcierten Ausbau der Erneuerbaren Energien. Dem Energiesparen und Maßnahmen für mehr Energieeffizienz wird ein hoher Stellenwert eingeräumt.

Tarifabschluss darf Unternehmen nicht überfordern

Im Kontext der Tarifrunde mahnte Dr. Kammüller zur Zurückhaltung. Bereits jetzt empfinde jeder dritte Betrieb die hohen Personalkosten als Wachstumshindernis – eine Forderung nach 8 Prozent mehr Lohn überfordere die Kräfte weiter. „Eine hohe Inflationsrate kann nicht über dauerhaft wirkende Lohnerhöhungen aufgefangen werden. Flexible Einmalzahlungen bilden die Wirklichkeit der Betriebe deutlicher besser ab“, schloss Dr. Kammüller.

Text: VDMA e.V.

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