Meldungen » Technologie » Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich verlängern ihre Partnerschaft in der Neutronenforschung

Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich verlängern ihre Partnerschaft in der Neutronenforschung

by Redaktion

Verlängerung des Abkommens über die Neutronenquelle am Institut Laue-Langevin in Grenoble bis 2033

Deutschland, Frankreich und das Vereinigte Königreich setzen ihre langjährige Partnerschaft in der Neutronenforschung fort. Heute wurde in Paris ein Zusatzübereinkommen unterzeichnet, das die langjährige Zusammenarbeit der drei Vertragsstaaten als Träger des Institutes Laue-Langevin (ILL) für den Zeitraum von 2024 bis 2033 verlängert. An der Zeremonie nahmen die französische Forschungsministerin Prof. Dr. Fréderique Vidal, der deutsche Botschafter Dr. Hans-Dieter Lucas und der stellvertretende Leiter der britischen Botschaft, Theo Rycroft, teil. In der kommenden Vertragsperiode werden insgesamt rund eine Milliarde Euro an Beiträgen erwartet. Das Zusatzübereinkommen sieht einen Betrieb des ILL bis Ende 2030 vor. 2027 wird über einen möglichen Weiterbetrieb bis 2033 entschieden, an den sich der Rückbau der Neutronenquelle anschließen wird.

Zur heutigen Unterzeichnung des Abkommens sagte Wolf-Dieter Lukas, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF):

„Die Verlängerung der Partnerschaft sichert die international führende Rolle des Institutes Laue-Langevin im Bereich der Neutronenforschung und Neutronentechnologie auch in der laufenden Dekade und ermöglicht europäischen Forschern den Zugang zu Neutronenstrahlung auf weltweitem Spitzenniveau und unter höchsten Sicherheitsstandards. Ich freue mich, dass wir diese gemeinsame europäische Erfolgsgeschichte in der Neutronenforschung mit dem nun abgeschlossenen Abkommen weiter fortsetzen.“

Hintergrund:

Neutronen bieten Forscherinnen und Forschern einmalige Möglichkeiten für ein breites Feld von Anwendungen, etwa bei der Entschlüsselung von Mechanismen in Lungenzellen bei Covid-19-Infektion, beim Verständnis der molekularen Prozesse bei Alzheimer-Erkrankung und der Verbesserung von Batterien für die Elektromobilität.

Das ILL ist eine internationale Forschungseinrichtung mit Sitz in Grenoble. Es wurde 1967 von Deutschland und Frankreich gegründet und betreibt seit 1971 die weltweit stärkste Neutronenquelle für Forschungszwecke. 1974 trat das Vereinigte Königreich dem Abkommen bei. Deutschland und das Vereinigte Königreich halten je 33% der Gesellschaftsanteile, Frankreich 34%. Deutscher Gesellschafter ist das Forschungszentrum Jülich. Der Haushalt des ILL beträgt etwa 100 Millionen Euro pro Jahr. Neben den Vertragsparteien Deutschland, Frankreich und dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland tragen weitere europäische Partnerstaaten, die sogenannten wissenschaftlichen Mitglieder Belgien, Dänemark, Italien, Österreich, Polen, Schweden, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien und die Tschechische Republik, etwa ein Viertel der jährlichen Kosten. Die Neutronenquelle und die Messplätze wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten in mehreren Programmen erneuert, die 2023 zum Abschluss kommen werden. Das ILL beschäftigt über 500 Personen und betreut etwa 40 Promovendinnen und Promovenden.

Jährlich besuchen etwa 1.400 Forscherinnen und Forscher aus Universitäten, Forschungszentren und Industrie das ILL, um hier Experimente durchzuführen, die zu etwa 600 Fachveröffentlichungen führen. Die Experimente mit Neutronen dienen der zerstörungsfreien Untersuchung der Struktur und Dynamik von Materie in den Bereichen Teilchenphysik, Materialwissenschaft, Biologie, Chemie und Medizin. Sie erlauben die Bestimmung von Struktur und Position aller einzelnen Atome eines Moleküls. Zudem erlauben sie Feststellungen zu deren Bewegung und Dynamik auf kleinsten Energieskalen. Da das Neutron die einzige Sonde ist, mit der sowohl die Atomkerne als auch die magnetischen Eigenschaften der Elektronenhülle „gesehen“ werden können, eignen sich Neutronen besonders gut für die Untersuchung der Mechanismen in komplexen Molekülen. Kürzlich konnte Forschung des ILL wichtige Beiträge zum Verständnis des Eindringmechanismus von RNA des SARS-COV2-Virus in Lungenzellen leisten.

Neben dem ILL stellen in Europa vor allem die deutsche Forschungsneutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz in Garching, die britische Quelle ISIS und das schweizerische Paul-Scherrer-Institut Neutronen für Forschungszwecke zur Verfügung. Derzeit wird mit der Europäischen Spallationsquelle (ESS) in Lund, Schweden, eine beschleunigerbasierte Quelle errichtet und ab Mitte des Jahrzehntes in Betrieb gehen. Das ILL als derzeit leistungsfähigste europäische Neutronenquelle bietet deshalb eine verlässliche Basis für die an Bedarfen und Kapazitäten orientierte strategische Weiterentwicklung der europäischen Neutronenforschungslandschaft in den kommenden Jahren.

Text: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

Weitere Themen